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Der Gedankengang: Der Verfasser, ein britischer Hindu, diskutiert die aktuelle Kampagne gegen den Terrorismus von einem religiösen Standpunkt aus. Die christliche und islamische Ethik (im Gegensatz zur Hindu-Ethik) stellen die Pflichten des Menschen gegenüber Gott und der Obrigkeit (Gebot 1 bis 5: nur ein Gott, keine Bilder, keine Blasphemie, Sabbath; ehre die Eltern) über seine Pflichten gegenüber den Menschen (Gebot 6: nicht töten). Fanatismus kann untergraben werden, indem man Zweifel in die Unfehlbarkeit von heiligen Schriften und Gurus sät; und es gibt traditionelle Argumente, die diese Wirkung haben. Dieser Ansatz ist weniger gefährlich und auf die Dauer subtiler und wirksamer als Brachialgewalt.
Wider Terrorismus, Intoleranz
und religiösen Fanatismus.
Ich bin Hindu. Ledig. Meine engsten Freunde sind Muslims. So eng, daß wir praktisch eine Familie sind. Wir helfen einander auf jede nur mögliche Weise. Ich habe mit ihnen gefeiert, wenn ihre Kinder geboren wurden, und getrauert, als die Mutter starb, die mir eine Mutter war. Meine Freunde, oder 'meine Familie' wie ich sie nenne, nehmen ihre Religion ernst. Sie versuchen, den Willen Allahs zu tun, wie sie ihn verstehen und wie sie es gelernt haben. Ihre Glaubenssätze und Lebensgewohnheiten sind anders als die von Christen und Säkularisten, und sie bestehen mit demselben Ernst darauf, sich an diese zu halten, mit dem gut erzogene Engländer auf ihren willkürlichen Tischmanieren bestehen und ihre Weihnachtskarten verschicken, und Deutsche ihre Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden. Dieser Ernst jedoch bedeutet nicht, daß Engländer, Deutsche oder gläubige Muslims Fanatiker oder Fundamentalisten sind. Meine Wahlverwandten und ich haben einander sehr lieb, obwohl sie Fleisch essen, während ich strikter Vegetarier bin und nicht einmal Fisch oder Eier esse, und das aus religiösen Gründen. Aber auch ich bin kein Fundamentalist.
1 Bete nur einen Gott an. Das Gebot 'Du sollst nicht töten', gegen welches die Terroristen von Manhattan verstießen, kommt erst als Nummer 6, in der zweiten Hälfte der Liste. Im Gegensatz dazu ist mein höchstes Gebot (das mich, wie Gandhi, auch zum Vegetarier macht) 'ahimsa': verletze kein Lebewesen, sei es Mensch oder Untermensch, einschließlich Hühner, Fische, Kühe, die Umwelt, und a fortiori Menschen, seien sie nun Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Frauen, Kastenlose, schwarze oder weiße Rassen, Mitglieder anderer Religionen, Ketzer, Atheisten, Intellektuelle, oder Amerikaner, um nur ein paar Beispiele von Gruppen zu geben, die von Zeit zu Zeit verfolgt oder als Untermenschen behandelt worden sind. In Hitlers Deutschland wäre eine Religion, die Untermenschen schützt oder die das Verletzen (und Töten) zur größten Sünde erklärt und dieses von Kindheit an den Menschen einprägt, nützlich gewesen.
Ich bedaure deshalb den Mord an sechs Millionen Juden in deutschen Konzentrationslagern, und die Million, die in den kommunalen Gewalttätigkeiten von Ruanda im Jahre 1994 umkamen. Ich bedaure die Tausende von Muslims und Hindus, die in den Unruhen nach dem Abriß der Babri-Moschee in Ayodhya im Jahre 1992 starben (Gott schert sich einen Dreck darum, mit welchem Namen sie angerufen wird und ob sie in einem Tempel oder einer Moschee angebetet wird). Ich bedaure die Millionen von Tieren, die jedes Jahr in den Schlachthöfen von Chicago geschlachtet werden, oder die 7000 Menschen, die in den Angriffen auf Manhattan und den Pentagon am 11. September 2001 getötet wurden. Über meine Pflichten gegenüber Gott sagt meine Religion wenig: ich schulde Gott nichts. Mein letztes Ziel ist es, ihre Existenz unmittelbar zu erfahren und schließlich irgendwann einmal mit ihr eins zu werden. Das beste Mittel, sich diesem Ziel zu nähern, ist für mich, großzügig meine Pflicht gegenüber meinen Mitmenschen zu tun (und meine Pflichten als wichtiger als meine Rechte zu betrachten). Die Erkenntnis Gottes wird mir irgendwann einmal als Sonderprämie (auch "Gnade" genannt) geschenkt werden.
Natürlich erreicht niemand von uns jemals dieses Ideal vollständig. Auch Hindus haben unverzeihliche Gewalttätigkeiten begangen. Auch Hindus sind Fanatiker gewesen und haben gegen den Geist ihrer Religion verstoßen. Aber das Ideal ist ausdrücklich formuliert worden und besteht weiter als etwas, das wir anstreben müssen. Es ist gut für die Menschen: und falls es einen Gott gibt, ist es auch ihr gefällig. In den Yoga Sutras haben wir zehn überlieferte Gebote (Yamas und Niyamas). (Es gibt in anderen Schriften auch andere Listen.) Sie können in gewissen Grenzen und durch Interpretation an die veränderlichen Bedürfnisse der Gesellschaft angepaßt werden ('geprägte Form, die lebend sich entwickelt' [Goethe]), genauso wie wir nicht nur eine Menschwerdung Gottes kennen: Gott erscheint immer wieder auf dieser Erde, wenn sie gebraucht wird. Allerdings ist es nicht leicht, sie zu erkennen. Die Vorstellung eines letzten, endgültigen, Propheten, eines Propheten für alle Zeiten, ist uns unvorstellbar. Immer und ewig werden wir Lehrer, Propheten und Götter auf dieser Erde brauchen. Wir empfangen sie mit Respekt und mit Zweifel.
1 Schade keinem Lebewesen (a fortiori: töte weder Menschen noch Tiere). 2 Zweifle alles an, was von einem Lehrer der Religion gesagt oder befohlen wird, insbesondere wenn er im Namen Gottes spricht. Diese Zweifel erstrecken sich auch auf die heiligen Schriften und die Verlautbarungen deines eigenen Gurus. Auf den Zweifel folgt Ablehnung, Annahme oder Warten. Brecht: 'Prüfe die Rechnung, du mußt sie bezahlen!' Paulus: 'Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet!' Bhagavad Gita: 'Lerne mit Respekt, durch Nachprüfen, und indem du deinem Lehrer dienst' (d.h. indem du ihn im engen Zusammenleben beobachtest). 3 Säe Zweifel: Zweifel ist eine Tugend. Wenn man die Vorschriften (2) und (3) einhält, ist es leichter, grobe Verstöße gegen Vorschrift (1) zu vermeiden. Es ist das Fehlen von Zweifel, das es uns ermöglicht, Massengrausamkeit im Namen eines Ideals oder eines Götzen zu begehen, z.B. im Namen des Gottes, von dem wir nicht mit Sicherheit wissen können, ob er existiert, und dessen Stimme wir nicht physisch hören oder verifizieren können.
Es ist das Fehlen von Zweifel, das die zahllosen Massaker und Strafexpeditionen der Kolonialmächte (einschließlich Amerikas) ermöglichte. In der Dritten Welt erinnert man sich immer noch an sie. Und will man jetzt dieser Liste noch eine Strafeexpedition hinzufügen - um zu zeigen, daß wir, der Westen, stärker sind? Die Terroristen, die Manhattan zerstörten, und ihr Guru hatten keinen Zweifel daran, daß sie die Mächte des Guten seien, die die Mächte des Bösen bekämpften. Diese Überzeugung unterschied sie von Verbrechern und machte praktisch Heilige aus ihnen, nämlich Leute, die ihr Leben einer guten Sache opferten. Hüte dich vor Heiligen! Juden, Christen und Muslims lernen Bewunderung für Abrahams Bereitschaft, seinen Teenage-Sohn im Namen Gottes zu ermorden, ein Beweis absoluten Gehorsams in einer Situation, in welcher Gottes Befehl dem gesunden Menschverstand, naturgegebenem Mitgefühl und elterlicher Liebe widersprach: Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern (töten). Abraham erklärt sich sofort bereit zu gehorchen, der Count-down fängt an, das Messer schwebt bereits über Isaaks Brust - da greift Gott, zufrieden mit Abrahams Gehorsamswillen, rettend ein.
Die Terror-Piloten und ihr Meister waren weder Selbstmörder noch Feiglinge. Sie glaubten, Gottes Willen auszuführen: wir mögen das bezweifeln, aber wir können es nicht widerlegen! Wie Jesus waren sie bereit, ihr eigenes Leben für Gottes Sache zu opfern, und bedauerlicherweise rettete Gott nicht in der letzten Minute die gläubigen Piloten und ihre sechstausend Opfer. Er muß es wohl so gewollt haben. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß die Opfer nur eines gemeinsam hatten: irgendwann in ihrem Leben hatten sie alle mit Vergnügen den Film 'Towering Inferno' gesehen und sich dabei vorgestellt, es sei Wirklichkeit. Ihr Traum hatte sich erfüllt, und sie durften sogar mitspielen. Heilige setzen Gottes Willen über alles andere. Gott kann menschliche Gesetze, Gefühle und Intuitionen brechen und sich darüber hinwegsetzen. Wer im Namen Gottes handelt, kann dasselbe tun. Deshalb sollten wir nie im Namen Gottes handeln! Wir sollten nie etwas tun, was wir nicht mit unseren eigenen, bloß menschlichen, Rechts- und Moralvorstellungen verteidigen können.
Das schlimmste an den Heiligen ist ihr erster Sündenfall: sie haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und wissen deshalb so klar, was gut und was böse ist. Es war sicher nicht gut, die Flugzeuge in das World Trade Center zu fliegen. Aber das analog böse Gesicht Amerikas zeigte sich in seiner unmittelbaren (unüberlegten) verbalen Reaktion auf die Katastrophe. Es zeigte sich in der Stimme der amerikanischen Provinzlerin auf dem Bildschirm, die entrüstet erklärte: "Dies ist Amerika. Wie können sie es wagen!" Sie war in ihrem Nationalstolz gekränkt worden. Es zeigte sich in der Stimme des Präsidenten, als er erklärte, daß Amerika den Kampf des Guten gegen das Böse weiterführen würde, bis das Böse ausgemerzt sei. Nicht einmal Jesus hat das geschafft, von Gott ganz zu schweigen. Es zeigte sich in dem schandbaren Namen, den man der großen Racheaktion gegeben hatte: 'Operation Infinite Justice' (Operation unendliche Gerechtigkeit). Schließlich glaubten die Terroristen, daß sie 'unendliche Gerechtigkeit' ausübten: das ist der Grund, aus welchem sie glaubten, das Recht zu haben, so viele Menschenleben zu opfern. Beide Seiten haben keinen Zweifel, daß die Gerechtigkeit (unendliche Gerechtigkeit!) auf ihrer Seite ist und jedes auch nur denkbare Opfer rechtfertigt.
Diese fürchterliche Stärke der Überzeugung, diese Gewißheit (und die daraus erwachsenden politischen Handlungen im Laufe der Jahrzehnte) vereinigt mit militärischer und wirtschaftlicher Macht, sind böse. Sie sind der Grund für den Haß jener, die machtlos gegen Amerikas zärtlichen Würgegriff sind und wehrlos von seiner Liebe und seinem Lächeln erstickt werden, deren einzige Waffen die unkontrollierbaren Mittel des Terrorismus sind. Diese Macht neu geltend zu machen, zur Schau zu stellen, jetzt wieder mit der Faust auf den Tisch zu hauen, jetzt wieder der Welt zu beweisen, daß Amerika unüberwindlich ist (denn unverletzlich ist es nicht mehr!), daß Amerika entscheidet, was recht und was unrecht ist, wird nie den Terrorismus ausmerzen. Terrorismus ist Widerstand, und Widerstand wird es geben, solange es Menschen gibt, die Amerikas Ideologie (oder die Ideologie irgendeiner anderen Macht) nicht akzeptieren. Es ist das Kampfmittel des Schwachen gegen den Starken. Weder das Böse noch der Terrorismus kann je in dieser Welt ausgemerzt werden. Sie können jedoch durch die Aussaat des Zweifels geschwächt werden. Das ist nicht ein Unternehmen von beschränkter Dauer, z.B. 20 Jahren oder 100 Jahren, sondern eine nie endende Aufgabe - wie die Aufgabe, den menschlichen Körper sauber zu halten, diesen Organismus, der so beschaffen ist, daß er sich dauernd selbst besudelt.
Jedesmal wenn wir einen Menschen zu dieser Art Zweifel bekehren, ist es ein kleiner Schritt auf dem Wege zur Toleranz, der die Gefahr des Terrorismus verringert.
Der Heilige Prophet verlangte im Namen Allahs, daß sie völlig beseitigt würden. Die Kaufleute von Mekka versuchten, einen Kompromiß zu erreichen. Wenn ein solcher Kompromiß gefunden werden könnte, dann würden sie den Islam annehmen. Der vorgeschlagene Kompromiß war, daß die Göttinnen nicht mehr 'angebetet' werden sollten, wie es nur Gott zukommt, aber daß sie um Fürsprache angerufen werden könnten (etwa so wie die Heiligen in der katholischen Kirche). Eines Tages legte der Erzengel Gabriel (jedenfalls erschien es dem Heiligen Propheten so) vor den versammelten Kaufleuten dem Heiligen Propheten die folgenden Worte auf die Zunge, und der Heilige Prophet sprach sie aus: 'Habt ihr an al-Lat, al-'Uzza und Manat, die dritte, die andere, gedacht? Diese sind wie ehrwürdige Schwäne, und man darf auf ihre Fürsprache hoffen'. Daraufhin warfen sich der Heilige Prophet und alle versammelten Männer ehrfurchtsvoll zu Boden.
"Habt Ihr al-Lat, al-'Uzza und die andere, die dritte Göttin, Manat, gesehen? Was! Ihr seid stolz darauf, Männer zu sein, und ER (Gott) sollte nur weiblich sein? Wahrlich, solches wäre in der Tat eine sehr unfaire Verteilung! Dies sind nichts als Namen, die ihr erfunden habt, ihr und eure Väter, und für welche Gott nicht die geringste Vollmacht vom Himmel geschickt hat... (19-23)... Es mag noch so viele Engel im Himmel geben, ihre Fürsprache wird nichts nützen. (26)" ' So steht der Text im Heiligen Koran, Sure 53:19-26, bis auf den heutigen Tag. (Ich habe nach meinem bestem Verständnis aus dem Englischen und nicht aus dem Arabischen übersetzt und gebe meine Übersetzung ohne Gewähr!) Der falsche Vers, der vom Satan kam, wurde 'der satanische Vers' genannt. Ungebildete Muslims kennen diese Geschichte nicht und sollen sie nicht kennen, da selbst nur ihre Möglichkeit oder auch nur ihre Falschheit zu erwägen unausweichlich zum Zweifel führt. Islamische Gelehrte kennen die Geschichte. Viele von ihnen sagen, sie sei nicht historisch und eine bösartige Erfindung von nicht-Muslims, die es nur darauf abgesehen haben, den Ruf des Heiligen Propheten zu beschmutzen.
Außerdem ist jedoch die Geschichte so zersetzend in der Art, in welcher sie Zweifel streut, daß niemand, der sie gehört und verstanden hat, je wieder völlig unbefleckt (frei von Zweifel) sein kann. So wie die Taufe erzeugt diese Geschichte einen character indelebilis, ein unauslöschliches Merkmal. Wenn die Geschichte wahr ist, dann bedeutet das, daß der Heilige Prophet mindestens einmal in seinem Leben getäuscht worden ist. Wenn das einmal geschehen ist, in einem Vers geschehen ist, wie können wir wissen, daß es nicht auch in einigen anderen Versen der Fall war? Wenn er den Erzengel während seines ersten Ausspruches nicht vom Teufel hat unterscheiden können, wie konnte er die beiden während des zweiten Ausspruchs auseinanderhalten? Vielleicht war der erste authentisch und der zweite nicht? Welches war der satanische Vers? Wenn der Heilige Prophet vorübergehend getäuscht werden konnte, dann ist der Heilige Koran nicht mehr mit Sicherheit das buchstäbliche Wort Allahs, dem man glauben muß und dem man ohne Frage folgen muß. Wir müssen für jeden Vers selber entscheiden, ob wir ihn akzeptieren oder nicht, und was er bedeutet. Wir setzen unser Urteil über das 'Wort Allahs' und müssen es tun, denn wir wissen nicht mit Sicherheit, welches Allahs Wort ist und welches nicht. (Entsprechendes gilt natürlich von der Bibel und anderen heiligen Schriften.)
Man kann argumentieren, daß Allah, da er allmächtig ist, jede Täuschung außer der ersten verhindert hat. Wenn das so ist, warum verhinderte er dann nicht die erste Täuschung, welche schließlich Glauben und Sicherheit verringert? Oder das Aufkommen der angeblich anti-islamischen 'Legende'? Er wollte doch, daß man seinem Wort glaubte, oder nicht? Warum also erlaubte er es, daß der bedingungslose Glaube von Anfang an unterwühlt wurde? Wenn jedoch die Geschichte nachweislich falsch wäre, und wenn jeder, der sie erzählt, das zugibt, bevor er sie erzählt: auch dann ist es eine mögliche Geschichte, und selbst nur an die Möglichkeit zu glauben, ist ein mächtiger Same des Zweifels. Immer wieder wird die Frage auftauchen: wie wußte der Heilige Prophet, daß die 'Person', die zu ihm sprach, oder die Stimme in seinem Kopfe der Erzengel Gabriel war und nicht irgendein böser Geist, oder daß seine Offenbarungen nicht seiner Einbildung entsprangen. Kein Muslim behauptet (und ich behaupte nicht), daß der Heilige Prophet sich diese Worte einbildete. Wir können es nicht mit Sicherheit wissen. Aber sogar gläubige Muslims werden sich manchmal fragen, ob dies vielleicht der Fall sei. Das stiftet Unruhe und Unsicherheit im Herzen.
Deshalb ist das beste Mittel den Terrorismus zu bekämpfen (einschließlich eines Staatsterrorismus der Vereinigten Staaten, falls es so etwas geben sollte) das Schüren des Zweifels. Es ist unscheinbar, aber völlig gewaltfrei. Die Resultate werden nicht meßbar sein (wie z.B. die Zahl von getöteten oder gefangengenommenen Terroristen), aber es wird sie geben; Zweifel ist unwiderstehlich, und er breitet sich aus wie ein Virus. Für das Säen von Zweifel braucht man kein Heer, und wir können alle an dem Feldzug für Zweifel und Vernunft teilnehmen. Es wäre allerdings gut, wenn das Programm sich nicht auf die Verbreitung von Zweifel beschränkte, sondern wenn auch die Verbreitung von Liebe dazu gehörte, besonders gegenüber Leuten, die gerade jetzt in ungerechtfertigter Weise verdächtigt oder angegriffen werden.
Aber Muslims sind nicht weniger freundlich als irgend einer von diesen. Sie sind Menschen, und sie sind nicht a priori dumm, grausam oder minderwertig. Nachdem sie jahrhundertelang provoziert und verfolgt worden sind, können sie wie Shylock sagen: 'Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Muslim. Hat nicht ein Muslim Augen? Hat nicht ein Muslim Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?' (Shakespeare, Kaufmann von Venedig, Akt 3, Szene 2)
Muslims werden uns diese Wärme zeigen, wenn wir nicht-Muslims sie ihnen zeigen. In den Vereinigten Staaten und in Großbritannien sind Muslims in der Minderheit. Es ist deshalb unsere Pflicht, den ersten Schritt zu machen, genau wie die Irakis es, mich ermutigend, taten, als ich ein einsamer Fremder in ihrem Lande war. Besonders in dieser furchtbar schweren Zeit für sie brauchen Muslims in nicht-islamischen Ländern unsere Unterstützung und Ermutigung. Sie sind unschuldig an den Taten der Terroristen und sind schwer gekränkt durch den ungerechtfertigten Verdacht, der auf sie fällt. Es ist nicht genug, daß wir die Muslims dulden, daß wir uns enthalten, sie anzugreifen: wir sollten uns ausdrücklich Mühe geben, ihnen gegenüber auf der Straße freundlich zu sein, sie mit einem Lächeln, mit einem Hallo, oder einem 'Asalamu aleikum' (Friede!) zu grüßen, sie in unsere Familien einladen, um ihnen zu zeigen, daß wir ihnen nichts Böses wünschen. Freundlichkeit Fremden gegenüber ist etwas, was weder dem Europäer im allgemeinen noch dem Engländer im besonderen eben leicht fällt (da haben wir von anderen temperamentvolleren Kulturen was zu lernen!), aber es wäre gut für uns alle, wenn wir mindestens versuchten, unsere kulturellen Hemmungen und Vorurteile zu überwinden. Ich weiß von meiner Zeit im Irak, wie gut und wie notwendig das für den Fremden ist.
Und wäre es nicht eine gute Idee, Flüchtlinge aus Afghanistan in unsere Familien einzuladen? Sie haben ihr Land nicht zum Vergnügen verlassen: es muß furchtbar für sie sein, wenn sie sehen, daß ihr Land im Begriff ist, von den Leuten zerstört zu werden, deren Gäste sie sind, und daß sie in der Mitte von Leuten leben, welche sie als Betrüger und Feinde betrachten. Man muß ihnen die Versicherung geben, daß normale Europäer sie respektieren und gern haben. Wenn wir sie nicht gern haben können, ist es unsere Schuld, unsere Engstirnigkeit, und wir müssen lernen, diese zu beseitigen. Ich praktiziere meine Religion (aber fragen Sie mich nicht, ob ich 'an Gott glaube', denn ich verstehe die Frage nicht). Ich glaube, daß wir Religionen brauchen, und sei es auch nur die minimalistische Religion des Atheismus. Religionen und ihre Behauptungen sind weder wahr noch falsch. Vielmehr widerspiegeln und beeinflussen sie die Haltungen der Kulturgemeinschaften, in welchen sie wachsen, geben diesen einen kohärenten Ansatz zu den Problemen des Lebens, halten sie zusammen, und geben uns Werkzeuge, durch welche wir ein Verständnis Gottes (was auch immer sie sein mag) erreichen können, und trösten uns in unseren schweren Tagen besser als auch die schlauesten säkularen Alternativen.
Isolierung verbunden mit Macht macht es unnötig, auf andere zu hören. Das provoziert Terrorismus. Die Terroristen von Manhattan haben Amerikas Schale durchbrochen, sie haben sich Gehör verschafft. Die Terroristen haben gezeigt: Es gibt alternative Ansichten in der Welt, und sie wollen gehört werden. Plötzlich (Reden am 2. Okt. 2001) will der amerikanische Präsident den Palästinensern ihren eigenen Staat geben. Plötzlich will Tony Blair Afrika in einen blühenden Erdteil verwandeln. Plötzlich soll Afghanistan in ein grünes Paradies verwandelt werden. Plötzlich blüht der Welt-Idealismus: Brot für alle! Wieder ein Wendepunkt in der Weltgeschichte (Blair).
Christen und Atheisten wissen, was gut ist und was böse ist. Wir unwissenden Hindus müssen da bescheidener sein: wir wissen nur, was besser ist und was schlimmer ist. Für uns gibt es nichts, was rein gut oder rein böse ist. Das Ziel des Krieges gegen den Terrorismus ist nicht, das Böse zu vernichten, da wir nie ganz sicher sein können, was es ist: das Ziel ist, die Selbstsicherheit auszumerzen. Email: ashutosh.vardhana@tudo.co.uk (Geschrieben am 27. September 2001 und ergänzt am 3. Oktober 2001) Ashutósh Várdhana ist in Europa aufgewachsen und lebt in Bradford, England. Er studierte in London. Er beschäftigt sich gern mit vergleichender Religionswissenschaft und schreibt jetzt erzählende Prosa, Gedichte und Essays. Er hat viele wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. 'Kreative' Arbeiten hat er in die Dipika (London), Writers' Forum (Bournemouth, UK), Scavenger (Osage City, Kansas, USA), The World of English (Peking), Asian Image (Blackburn, UK) und Asian Voice (London) veröffentlicht. These notes are ***not*** meant for publication. They are intended to help translators and editors, especially those coming from very different cultures. However, if a magazine editor wants to publish or utilise any of them in conjunction with the story, she is welcome to do so. 1 Taslima Nasrin. Born: 25 August 1962. Her novel 'Lajja' (Shame) was written and first published in Bengali. Translated into over 19 languages, including English, French, German, Spanish, Italian, Arabic. The German translation, 'Scham', was published by Hoffmann und Campe Verlag. A fatwa (death) was pronounced on her by Islamic fundamentalists, for her modernist and liberal writings on many issues. (see more under Ayodhya, below) 2 ahimsa (Sanskrit) = non-violence 3 Ayodhya: town in India; believed by Hindus to be the birthplace of God Rama, a Hindu Bethlehem, so to speak. In 1992, a mosque on the site believed to be the site of that birth was demolished by Hindu fundamentalists who insisted on erecting a temple there and sparked communal riots between Hindus and Muslims all over India and Bangladesh, in which many people were killed. Taslima Nasrin wrote her novel Lajja to castigate the Muslim participants of the violence in Bangladesh, where Hindus were attacked and killed who, obviously, had nothing to do with the events in Ayodhya. 4 mandir = Hindu temple 5 God, she, her: reference to God is made in the feminine, in defiance of current linguistic conventions, to combat an irrelevant ancient prejudice, which helps to suppress doubt. 6 aka = also known as 7 Yoga Sutras: a summary of Hindu practice written by Patanjali (perhaps several authors) sometime between 2 cent. BC and 5 cent. AD) 8 yamas and niyamas: positive precepts (things to do) and prohibitions (things to abstain from) 9 'geprägte Form, die lebend sich entwickelt': Goethe: Urworte, orphisch: Dämon
11 St Paul: 'Do not despise prophetic speech. But check everything, and accept what is good.' (Prophetische Rede verachtet nicht...): bible, 1. Thess. 5:20-21. 12 Bhagavad Gita: 'Learn by reverence, by enquiry and by serving your teacher' (i.e. by observing him living closely together with him). (Lerne mit Respekt ...). Gita 4:34 13 fruit (by which we shall know them): 'Ye shall know them by their fruits.' (Matth. 7:16) 14 'first sin', 'tree of knowledge': Bible, Genesis (1.Moses), chapter 2 15 He that is without sin ... cast the first
stone...: Bible: John 8:7 16 Max Müller (1823-1900), born in Germany, Professor of Sanskrit at Oxford, edited and first published the Vedas. His autobiography was published posthumously in 1909. 17 homosexuals, adulterers, heretics: Biblical fatwas: death penalty for adulterers: Leviticus (= 3 Moses) 20:10, for homosexuals: Leviticus 20:13, for blasphemers: Leviticus 24:14 18 The Satanic Verses: The incident of the Satanic Verses is discussed in detail in: W Montgomery Watt: 'Muhammad at Mecca', Oxford 1953. 19 character indelebilis: Latin: technical term in Christian theology. Baptism is said to impress an indelible mark on the person who has been baptised, a mark which can never be erased; one cannot renounce baptism. A person once baptised is baptised for ever.
21 Shylock, Shakespeare: Merchant of Venice: Act 3, Scene 1 22 Asalamu aleikum (Peace be with you): Arabic: normal greeting among Muslims in all countries 23 'bloody foreigner' = accursed foreigner, so frequently used in English that is has become a standard phrase and is used both in earnest and as a joke to characterise British xenophobia 24 'bogus asylum seeker': This phrase has become very common during the past five years or so and is used by the popular press in their xenophobic campaign against people who claim that they are politically persecuted and need asylum whereas in fact they are merely 'economic migrants', i.e. people who come to England because they want to improve their economic conditions. The press campaign reached such a pitch that readers often wrongly assume that all asylum seekers are fraudulent, do not want to work, and want to exploit the provisions of the British social security system. 25 'And if a stranger sojourn with thee in your land ..' (Wenn ein Fremdling bei euch wohnt) (Leviticus = 3 Moses 19:33-34)
ashutosh.vardhana@tudo.co.uk
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